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Interdisziplinäre Improvisation

2007: by Martin Gansinger for Jazzzeit

Der in New York lebende Bassist Joe Fonda verbindet seine regelmäßigen Auftritte im südlichen Burgenland gerne mit ein, zwei Wochen Urlaub auf dem Bauernhof. Oder war's umgekehrt? Tatsache ist, dass Fonda in Bezug auf Musik exakt jene Herangehensweise an den Tag legt, deren Geist sich sein langjähriger Freund und Gastgeber Udo Preis, Mastermind des Kulturvereins Limmitationes, für all seine Konzertreihen wünscht. Für das nahende Festival «Chilli Jazz» sind Geist und Fonda schon im Anflug.

«An erster Stelle steht das improvisatorische Verständnis, erst daraus entwickelt sich die Komposition», erläutert der Amerikaner seine Arbeitsweise. «Wenn ich mit wirklich guten Improvisatoren spiele, entsteht die Komposition live auf der Bühne», so Fonda weiter. Dass letzteres in der Regel der Fall sein dürfte, unterstreichen musikalische Weggefährten wie Anthony Braxton, Archie Shepp, Marion Brown oder Leo Smith. Allesamt ausgefuchste Techniker — was aber für das von Fonda als Zen-ähnlichen Zustand bezeichnete Erleben des spontanen, gemeinsamen Erschaffens von Musik nicht zwingend zum Erfolg führen muss. «Es handelt sich dabei nicht um eine intellektuelle Leistung», erklärt Fonda. Seiner Meinung nach tragen die menschlichen Qualitäten der beteiligten Musiker mindestens genau so viel zum Gelingen des Permanent-Experiments Freie Improvisation bei. «Du begibst dich beim Improvisieren in einen Bereich, in dem du deinen Mitspielern völlig vertrauen kannst. Erst dadurch wird es möglich, auf einer unbewussten Ebene miteinander zu kommunizieren. » Klar, dass die Kommunikation auf musikalischer Ebene nach anderen Regeln verläuft als eine alltägliche Gesprächssituation. Und nach anderen Erfolgsstrategien verlangt. «Wenn du dich mit voller Intensität dem Fluss der Dinge überlässt, passiert alles viel zu schnell, als dass du es bewusst nachvollziehen könntest», gibt der Bassist zu verstehen, um gleich im Anschluss die Ausnahmestellung frei improvisierter Musik in diesem Zusammenhang klar zu stellen: «Sobald du mit Kompositionen, Arrangements oder auch musikalischen Cues arbeitest, unterbrichst du den Fluss der Musik. Diese Vorgehensweise mag sich von Zeit zu Zeit als richtig und auch notwendig erweisen — aber es ist nicht die höchste Form musikalischer Kommunikation.»

Nichts desto trotz weiß Joe Fonda auch die Leistungen von Musikern zu schätzen, die sich außerhalb des von ihm gewählten Ausdrucksspektrums bewegen: «Es gibt großartige Musiker die sich im Bereich der Formen bewegen — ein Solist, eine Rhythm-Section — und sie alle sind wahre Meister. Aber in einem rein improvisatorischen Kontext werden sich viele von ihnen nicht zurechtfinden. Wenn du mit solchen Musikern spielst, kannst du förmlich spüren, dass sie nicht zu der für diese Art von Musik notwendigen Selbstlosigkeit finden», so Fonda.

Diese Form der Selbstlosigkeit verfolgt der viel beschäftigte Musiker u.a. mit dem Projekt «From The Source». Bei dem Sextett handelt es sich um vier Musiker, die Tap-Tanz-Legende Brenda Bufalino sowie die Heilerin Vicky Dobb. «Ich habe lange Zeit überlegt, wie ich das Element der Heilung in meine Musik mit einbringen kann», erklärt Fonda. Um gleich im Anschluss zu unterstreichen, dass es in diesem speziellen Fall eigentlich gar nicht so sehr um musikalische Aspekte geht als vielmehr um menschliche: «Wenn wir mit Vicky gemeinsam auf die Bühne gehen, lassen wir unsere Performer-Masken im Backstage-Bereich. Wir sind alle ausgebildete Musiker, die wunderbar solieren und improvisieren können — aber was Vicky braucht, sind Personen, die ihr Ego hinter der Bühne zurücklassen, und mehr als nur ein tolles Konzert abliefern wollen. Wir gehen nicht als Musiker auf die Bühne - sondern als potentielle Heiler.» Seine Offenheit gegenüber interdisziplinären Ansätzen stellte der Bassist übrigens bereits mit einem Kollektiv namens Kaleidoskop unter Beweis, das sich neben Musikern, Tänzern und Malern auch aus einem Schauspieler und einem Koch(!) zusammensetzte. Improvisation verbindet eben.

Reprinted with permission. Copyright © 2007 jazzzeit and Martin Gansinger.

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Joу Fonda, playing bass, img 3